Projektbeschreibung

Finanzierung, Ort und Projektteam

Das Projekt wird für drei Jahre vom Arts and Humanities Research Board finanziert (2004-2007) und ist im Zentrum für Transnationale Studien, einem multidisziplinären Forschungszentrum in der School of Humanities an der Universität Southampton, angesiedelt, in welchem schon mehrere große Projekte angesiedelt

Das Projektteam besteht aus Prof. Patrick Stevenson (Projektleiter), Jenny Carl (wissenschaftliche Assistentin) und Livia Schanze (DoktorandIn).

Forschungsfragen

Die Erweiterung der EU und die Revision der europäischen Verfassung werfen grundlegende Fragen nach der zukünftigen Ausrichtung Europas auf, und danach, was es bedeutet, Europäer zu sein.

Das Jahr 2004 markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der Entwicklung Europas. Die Erweiterung der EU und die Revision der europäischen Verfassung werfen grundlegende Fragen nach der zukünftigen Ausrichtung Europas auf, und danach, was es bedeutet, Europäer zu sein. Das Projekt wird dieses Thema aus einer soziolinguistischen Perspektive erkunden, indem es die Rolle der deutschen Sprache im Verhältnis zu anderen Sprachen im Prozeß der Bildung einer europäischen Identität in Deutschland, Österreich und in östlichen Nachbarstaaten untersucht.

Demnach ist die zentrale Leitfrage, die das Projekt bearbeiten soll

  • Welche Rolle spielt die deutsche Sprache in der Erhaltung und Förderung nationaler und ethnischer Identitäten im 'post-nationalen' Europa?

Um diese übergeordnete Fragestellung zu beantworten, wird den folgenden spezifischen Fragen nachgegangen werden:

  • Welche Ideologien/Werthaltungen liegen den Sprach(en)politiken zugrunde, mit denen die deutsche und österreichische Regierung die deutsche Sprache intern und nach außen fördern wollen?
  • Welche Folgen haben diese Politiken für die Ziele der Förderung sozialer Inklusion und Integration innerhalb dieser Staaten einerseits, und der Förderung sozialer Mobilität zwischen EU Mitgliedstaaten andererseits?
  • Wie beeinflussen diese Politiken die öffentlichen Debatten zur Gestaltung des Staatsbürgerschaftsrechts?
  • Welche Beziehung besteht zwischen den Politiken der Einsprachigkeit/einsprachigen Politiken der Staaten und der Praxis der Mehrsprachigkeit, die die europäischen städtischen Gesellschaften kennzeichnet?
  • Wie benutzen diese Regierungen und ihre ausführenden Organe die deutsche Sprache als ein Mittel, um ihren Einfluß auf die entstehenden wirtschaftlichen und kulturellen Märkte in Osteuropa zu sichern, und was ist das Ergebnis?

Obwohl diese Fragen die Rolle der deutschen Sprache und deutschsprachiger Länder hervorheben, werden die Antworten auch für andere Nationalsprachen und andere Länder in Europa von Bedeutung sein.

Forschungsziele

Das Projekt wird die nationalen und transnationalen Blickpunkte früherer Arbeiten zusammenführen, die sich mit der Konstruktion nationaler Identitäten zu verschiedenen Zeiten in Deutschland (Stevenson 1993, 2002; Stevenson & Theobald 2000) sowie mit der 'Aushandlung' ethnischer Identitäten in osteuropäischen Kontexten, in denen Deutsch eine Minderheitensprache ist (Stevenson 1997, 2000a, 2000b), beschäftigen. Dazu sollen die Verbindungen zwischen Sprachideologien, -politiken und -praxis in Europa untersucht werden, während die erweiterte EU neue Formen annimmt.

In der Bearbeitung der oben genannten Forschungsfragen wird das Projekt zwei sich ergänzende Ziele verfolgen. Es wird

a) Diskurse über Sprache, Migration und Staatsbürgerschaft in Deutschland und Österreich im Hinblick auf das was Blommaert (1999) die 'sprachideologischen Debatten' genannt hat analysieren, um das Verständnis der Rolle von Sprache für allgemeine Auffassungen darüber, was es bedeutet, zur gegenwärtigen europäischen Gesellschaften zu 'gehören', zu erweitern (siehe Thema 1, unten);

b) erforschen, wie Deutsch mit Englisch um den Einfluß auf den kulturellen und wirtschaftlichen Raum in Mittel- und Osteuropa konkurriert. Dieser Schwerpunkt basiert z.T. auf den Arbeiten von Phillipson (1992, 2003) und Mühlhäusler (1996) zu 'sprachlichem Imperialismus' sowie auf Pennycooks Arbeit zu Sprache und Diskursen des Kolonialismus (1998) und richtet sich auf die Frage, wie die Kopräsenz dieser beiden 'extra-territorialen' Sprachen die sprachlichen Repertoires und kommunikativen Verhaltensweisen unter diesen Umständen beeinflußt (siehe Thema 2, unten).

Forschungskontext

Der Kontext dieses Projekts besteht in der Gleichzeitigkeit zweier großer Veränderungen in der Entwicklung des heutigen Europas. Die erste besteht in der zunehmenden Bewegung von Menschen in und nach Europa im allgemeinen und in der/die EU im besonderen; die zweite Herausforderung geht von der Erweiterung der EU aus. Beide Prozesse stellen wichtige Chancen für eine europäische Gesellschaft dar, aber beide haben auch zu nennenswerten sozialen und politischen Spannungen geführt. Die Hauptursachen für diese Spannungen sind am besten als ein Interessenkonflikt zwischen dem Nationalen und dem Transnationalen einerseits und zwischen dem Alten und dem Neuen (also eigentlich West und Ost) andererseits zu verstehen.

Thema 1 Das Nationale und das Transnationale: Sprache, Migration und Staatsbürgerschaft in Deutschland und Österreich

Die Regierungen von Deutschland und Österreich (und auch in anderen EU Mitgliedstaaten) entwickeln - anscheinend paradoxerweise - immer restriktivere Gesetzgebungen zu Immigration, Nationalität und Staatsbürgerschaft während und weil die Bewegung und der Austausch von Menschen, Ideen und kulturellen Praktiken zunehmen, welche die nationalen Grenzen überspringen und die konventionellen Vorstellungen von sozialer Reproduktion innerhalb enger nationaler Traditionen in Frage stellen. Diese Gesetzgebungen werden im Kontext besonderer nationaler Umstände gestaltet, die durch verschiedene historische Entwicklungen bedingt werden, aber ein gemeinsames Schlüsselmerkmal ist die Aufmerksamkeit, die dabei der Sprache zuteil wird. Dies bringt ein anderes scheinbares Paradoxon zutage: trotz des wiederholten Versagens sprachlichen Nationalismus' beschwören die westeuropäischen Regierungen mehr denn je die Idee einer 'Nationalsprache' und machen die Beherrschung dieser Nationalsprache - oder den Willen diese zu erlangen - zum Prüfstein staatsbürgerlicher Verantwortung und Verpflichtung zum Erhalt monolithischer nationaler kultureller Traditionen (Kymlicka 1995, 2001).

Thema 2 West und Ost: Sprach(en)politik, Sprachrepertoires und Identitätsbildung in Mittel- und Osteuropa

Während der Beitritt osteuropäischer Staaten zur EU von einigen im Westen als potentielle Bedrohung für die soziale Stabilität in Europa und als Schwächung wirtschaftlicher Ressourcen dargestellt wird, stellt er für andere eine Gelegenheit für Investitionen und wirtschaftliche Expansion dar. Der Wettbewerb um Anteile an diesem entstehenden Markt ist seit 1989 beständig gewachsen und kann sich nach der Erweiterungsrunde 2004 nur noch verstärken. Für Deutschland und Österreich war und ist es besonders einfach, die Vorteile dieser Erweiterung zu nutzen, nicht nur wegen ihrer geographischen Lage, sondern auch durch den Status der deutschen Sprache als lingua franca in Mittel- und Osteuropa aufgrund der tiefverwurzelten historischen Traditionen und der dort ansässigen deutschstämmigen Bevölkerungsanteile. Jedoch wird der Einfluß des Deutschen und des wiederentdeckten Mitteleuropa mehr und mehr durch die Dominanz des Englischen als Weltsprache angefochten (Ammon 1998, 2000, Graddol 1997, Grin 2003, Phillipson 2003). Das Verhältnis von Status und Gesetzgebung auf der Makroebene und individuellen und kollektiven Praktiken und Repertoires auf der Mikroebene muß daher bestimmt werden.

Das Projekt wird einige Funktionen der deutschen Sprache in der Umgestaltung der europäischen Gesellschaft untersuchen, indem beide Themen zusammengebracht werden. Die thematischen Blickpunkte, der theoretische und analytische Rahmen und die methodische Herangehensweise werden hoffentlich zu einem innovativen Beitrag sowohl zu gegenwärtigen Debatten über Sprache und Bildung (trans)nationaler Identitäten als auch zur Entwicklung soziolinguistischer Forschungsmodelle führen. Die Fragen, die es bearbeitet, haben einen wichtigen Bezug zur sozialen Integration, wirtschaftlichen Entwicklung und politischen Kultur im neuen Europa, das gerade im Entstehen begriffen ist; die Antworten, die es geben will, werden Einblicke in die symbolischen und instrumentellen Potentiale bestimmter Sprachen in diesem vielschichtigen Prozeß gewähren. Daneben könnte es sogar einen eigenen Beitrag zu diesem Prozeß leisten, da es in dieser entscheidenden frühen Entwicklungsphase durchgeführt wird. Und nicht zuletzt wird das Projekt neue Einsichten erschließen und weitergehende Forschung in diesem Bereich anregen, indem es die Beziehungen zwischen Ideologien, Politiken und Praxis aufzeigt, die vorher üblicherweise unabhängig voneinander untersucht wurden.

Forschungsmethoden

Das Material für dieses Projekt wird grundsätzlich aus drei Arten von Textdaten bestehen:

a) offizielle Dokumente (z.B. politische Grundsatzpapiere, Regierungserklärungen und -berichte, Gesetzgebung) und Parlaments- und Mediendebatten zu beiden Themen;

b) teilstandardisierte Interviews mit Meinungsmachern und politischen Entscheidungsträgern (z.B. Politiker, Journalisten, Erziehungswissenschaftler, Regierungsberater) in Deutschland, Österreich und der Europäischen Kommission, die sich ebenfalls mit beiden Themen befassen; und

c) ethnographische Interviews mit Einzelpersonen und Gruppen in zwei repräsentativen, osteuropäischen Kontexten (in der Tschechischen Republik und Ungarn); diese Interviews beziehen sich nur auf das zweite Thema.

Diese sich ergänzenden Quellen sind notwendig, um die Verbindungen und Widersprüchlichkeiten zwischen Ideologien, Politik und Praxis aufzudecken. Sie werden untersucht im Hinblick auf Fragen wie: Wie ist Sprache in Politiken auf nationaler und supranationaler (EU) Ebene eingebunden? Wie verhalten sich diese Politiken zu Ideen und Vorstellungen über Sprache und soziale Identitäten und über moralische und politische Werte? Wie werden sie in öffentliche Diskurse aufgenommen? Wie verhalten sie sich zu individuellen Auffassungen und Verhaltensweisen?

Das Material wird in zwei Schritten analysiert: erstens anhand einer Textanalyse auf der Mikroebene im Rahmen der kritischen Diskursanalyse (van Dijk 1993, Fairclough 1992, 2001, Wodak 1999) und Sprachbiographien (Nekvapil 2000, 2003); zweitens durch eine Bestimmung und Interpretation der Diskurse, die von diesen Fallstudien ausgehen, im Hinblick auf die theoretischen Modelle zu Sprachideologien, die unter anderem von Blommaert (1999), Gal and Woolard (2001), and Kroskrity (2000) ausgeführt wurden.

Literatur

Ammon, U. (1998) Ist Deutsch noch internationale Wissenschaftssprache? (de Gruyter)

Ammon, U. (ed) (2000) Sprachförderung: Schlüssel auswärtiger Kulturpolitik

Barbour, S. & C. Carmichael (eds) (2000) Language and Nationalism in Europe (OUP)

Blommaert, J. (ed) (1999) Language Ideological Debates (de Gruyter)

Brutt-Griffler, J. (2002) Global English: A study of its development (Multilingual Matters)

Fairclough, N. (1992) Discourse and Social Change (Polity)

Fairclough, N. (2001) Language and Power (Longman)

Gal, S. and K. Woolard (eds) (2001) Languages and Publics ( St Jerome )

Gardt, A. and B. Hüppauf (eds) (2004) Globalization and the Future of German (Mouton de Gruyter)

Graddol, D. (1997) The Future of English (British Council)

Grin, F. (2003) Language Policy Evaluation and the European Charter on Regional or Minority Languages (Palgrave Macmillan)

Kroskrity, P. (ed) (2000) Régimes of Language ( School of American Research Press )

Kymlicka, W. (1995) Multicultural Citizenship: A liberal theory of minority rights (Oxford University Press).

Kymlicka, W. (2001) Politics in the Vernacular: Nationalism, multiculturalism and Citizenship (Oxford University Press).

Mühlhäusler, P. (1996) Linguistic Ecology (Routledge)

Nekvapil, J. (2000) ‘On non-self-evident relationships between language and ethnicity: how Germans do not speak German and Czechs do not speak Czech', in Multilingua 19, 37-53.

Nekvapil, J. (2003) ‘Language biographies and analysis of language situations: on the life of the German community in the Czech Republic ', in IJSL 162, 63-83.

Pennycook, A. (1998) English and the Discourses of Colonialism (Routledge)

Phillipson, R. (1992) Linguistic Imperialism (OUP)

Phillipson, R. (2003) English-Only Europe ? (Routledge)

Stevenson, P. (1993) ‘The German language and the construction of national identities', in Flood et al Das unsichtbare Band der Sprache (Akademischer Verlag Stuttgart)

Stevenson, P. (2002) Language and German Disunity: a sociolinguistic history of east and west in Germany 1945-2000 (OUP)

Stevenson, P. (1997) 'The dynamics of linguistic and cultural identification on the central margins of Europe '. Sociolinguistica 11, 192-203.

Stevenson, P. (2000a) ‘The ethnolinguistic vitality of German-speaking communities in central Europe', in S. Wolff, ed. German Minorities in Europe : Ethnic Identity and Cultural Belonging, (Berghahn), 109-124.

Stevenson, P. (2000b) ‘The multilingual marketplace: German as a Hungarian language', in G. Hogan-Brun, ed. National Varieties of German Outside Germany (Peter Lang), 243-258.

Stevenson, P. & J. Theobald (eds) (2000) Relocating Germanness: discursive disunity in unified Germany (Macmillan)

Wodak, R. et al (1999) The Discursive Construction of National Identity (Edinburgh UP)

Wright, S. (2004) Language Policy and Language Planning: From nationalism to globalisation ( Basingstoke : Palgrave Macmillan)